Fachartikel

Der Ausbildereignungsschein: Freifahrtschein für Ausbildung von gestern?

Hermann Schmidt · · #15

Nicht, weil Ausbilderinnen und Ausbilder das Problem sind. Sondern weil viele von ihnen heute eine Aufgabe tragen, die deutlich größer geworden ist als das, was früher oft unter „fachlicher Anleitung“ verstanden wurde.

Der Satz ist bewusst provokant.

Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Es geht darum, eine betriebliche Realität anzusprechen, die vielerorts unterschätzt wird.

Der formale Nachweis und seine Grenze

Der AdA-Schein weist formal nach, dass jemand persönlich und fachlich geeignet ist, auszubilden. Das regeln § 28 BBiG und die Ausbilder-Eignungsverordnung. Eine gesetzliche Pflicht zur regelmäßigen Fortbildung ergibt sich daraus als allgemeiner Standard jedoch nicht.

Genau hier beginnt die Lücke.

Denn die Aufgabe in der Ausbildung ist heute breiter als der formale Nachweis, der einmal am Anfang erbracht wurde.

Nicht, weil Menschen heute weniger können.

Sondern weil die Aufgabe größer geworden ist.

Was die Daten zeigen

Was sagen die harten Daten?

Das zeigt sich nicht nur im Bauchgefühl vieler Betriebe, sondern auch in der Datenlage: Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) beschreibt das betriebliche Ausbildungspersonal als Gruppe mit hoher Verantwortung und weist zugleich darauf hin, dass Ausbildung in vielen Fällen parallel zur eigentlichen Tätigkeit erbracht wird.

Das Problem: Freistellung für Ausbildung bedeutet im Alltag unmittelbar entgangene Produktivität — und damit direkte Kosten für den Betrieb.

Die Realität im Mittelstand: Fachlich starke Menschen übernehmen Ausbildungsaufgaben zusätzlich zum Tagesgeschäft.

Das Spannungsfeld: Das BIBB verweist darauf, dass gerade das nebenberufliche Ausbildungspersonal im permanenten Spagat zwischen Produktionsanforderungen und Ausbildungsauftrag arbeitet, während neue Gesetze wie das BVaDiG und der modernisierte AEVO-Rahmenplan den Ausbildern immer mehr Rollen als 'digitale Lernbegleiter' abverlangen – ohne dass das System sie im Alltag entlastet.“

Die breite Mitte entscheidet

Die eigentliche Gefahr liegt nicht bei den Extremen

Wenn wir über Unterstützung in der Ausbildung sprechen, schauen wir oft auf die Ränder. Doch das greift zu kurz.

Nicht bei den akuten Krisen: Für junge Menschen mit massiven psychischen oder sozialen Belastungen gibt es in vielen Regionen bereits spezialisierte Hilfen und Unterstützungsprogramme, teilweise auch öffentlich gefördert. Diese Fälle sind wichtig. Sie beschreiben aber nicht das Kernproblem vieler Betriebe.

Nicht bei den Überfliegern: Natürlich ist Begleitung auch für starke Talente sinnvoll. Aber die entscheidende Zukunftsfrage vieler KMU liegt nicht bei denen, die ohnehin schnell ihren Weg machen.

Die Antwort liegt in der breiten Mitte.

Es geht um die Azubis, die weder besonders auffällig noch außergewöhnlich selbsttragend sind. Sie stellen keinen akuten Sonderfall dar, gehen aber eben auch nicht automatisch stabil durch die ersten Monate.

Genau aus dieser Gruppe entsteht mit guter Führung, verlässlicher Begleitung und einem festen Gegenüber die spätere Stammmannschaft eines Betriebs.

Wenn Ausbilder überlastet sind, leidet die Präsenz

Warum ist das so relevant?

Weil Präsenz in der Ausbildung kein Nebendetail ist.

Der aktuelle DGB-Ausbildungsreport zeigt alarmierende Zahlen:

- 7,4 Prozent der Auszubildenden geben an, dass ihnen an der Ausbildungsstelle überhaupt kein Ausbilder zur Verfügung steht.

- Bei weiteren 11,1 Prozent ist die ausbildende Person selten oder nie präsent.

Mangelnde Präsenz wirkt sich nachweislich negativ auf die fachliche Qualität und die Gesamtzufriedenheit aus.

Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist das ein kritischer Punkt. Während Großbetriebe oft eigene Ausbildungsabteilungen haben, arbeiten Klein- und Kleinstbetriebe meist unter extremem Alltagsdruck.

*Wenn Ausbilder überlastet sind, trifft das genau jene jungen Menschen, die mit etwas mehr Struktur, klaren Erwartungen und konstanter Begleitung sehr wohl im Betrieb hätten wachsen können.*

Viele Ausbilderinnen und Ausbilder leisten heute beeindruckend viel — oft ohne ausreichende Zeit, ohne klare Entlastung und ohne ein System, das ihre pädagogische Führungsaufgabe wirklich mitträgt.

Die reale ROI-Frage für den Mittelstand

Ein ins Wanken geratenes Ausbildungsverhältnis bedeutet den Verlust der Chance, eine loyale Fachkraft für die nächsten Jahre zu entwickeln.

Die entscheidende Frage für Geschäftsführer lautet daher nicht:

„Wie viel Aufwand kostet zusätzliche Begleitung?“

Sondern:

„Was kostet es den Betrieb, wenn die breite Mitte nie stabil aufgebaut wird?“

Auch hier hilft der Blick in die Daten des BIBB: Ein bewusster Ausbildungsaufwand erhöht den späteren Nutzen massiv. Die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Abschlusses steigt und Fachkräfte wachsen anschließend deutlich produktiver in den Betrieb hinein.

Mittelständler müssen heute aus normalen, entwicklungsfähigen jungen Menschen eine verlässliche Stammmannschaft formen, die bleibt und Verantwortung übernimmt.

Dort entsteht Bindung. Dort entsteht Entwicklung. Und dort entsteht am Ende der betriebswirtschaftliche Nutzen.

Die Lücke zwischen Eignung und Alltag schließen

Die Brücke zwischen Eignung und Alltag schlagen

An diesem Punkt werden externe Experten relevant.

Nicht als Ersatz für die betriebliche Ausbildung. Sondern als Ergänzung dort, wo zwischen formaler Ausbildungseignung und real möglicher Begleitung im Alltag eine zeitliche Lücke entstanden ist.

Für KMU ohne eigene Azubi-Fachabteilung macht genau das den Unterschied.

TeAzubi.pro — ein Produkt von teamentwicklung.pro — ist in diesem Zusammenhang kein Format für Sonderfälle und kein Premium-Paket nur für die wenigen Überflieger.

Relevant wird dieser Ansatz dort, wo Betriebe ihre Stammmannschaft von morgen stabil aufbauen wollen: mit klaren Ansprechpartnern, verlässlicher Begleitung und einem konsequenten Fokus auf die breite Mitte der Auszubildenden.

Der AdA-Schein ist nicht das Problem. Aber er ist in der heutigen Welt auch keine Garantie mehr für Zukunftsfähigkeit.

Denn Zukunft entsteht nicht dort, wo nur Einzelfälle verwaltet werden.

Zukunft entsteht dort, wo aus der breiten Mitte verlässliche Fachkräfte von morgen wachsen.

Quellen und weiterführende Literatur

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