Fachartikel

Fachkräfte von morgen – ausgebildet zwischen Tür und Angel?

Nicole Krüger · · #18

Unternehmen wünschen sich Auszubildende, die mitdenken, Verantwortung übernehmen, zuverlässig arbeiten und sich mit dem Betrieb identifizieren.

Gleichzeitig erleben wir in der Praxis häufig eine andere Realität:

Diejenigen, die genau diese Entwicklung ermöglichen sollen, bilden zusätzlich zu ihrem eigentlichen Arbeitsplatz aus.

Sie bearbeiten Kundenaufträge, halten Termine ein, vertreten erkrankte Kolleginnen und Kollegen, dokumentieren Prozesse und irgendwo dazwischen sollen sie erklären, beobachten, Rückmeldung geben, Konflikte auffangen und junge Menschen auf ihrem Weg ins Berufsleben begleiten.

Das Problem ist nicht mangelndes Engagement. Das Problem ist die Vorstellung, gute Ausbildung ließe sich dauerhaft zwischen zwei andere Aufgaben schieben.

Der Alltag: Ausbildung wartet

Ein typischer Fall aus dem Betriebsalltag:

Ein Auszubildender steht mit seinen Unterlagen in der Werkstatt und wartet auf eine Rückmeldung. Der zuständige Ausbilder sitzt einige Meter weiter vor dem Rechner. Eine Bestellung muss dringend heraus, das Telefon klingelt, gleichzeitig wartet die Produktion auf eine Entscheidung.

„Mach schon einmal weiter, ich komme gleich.“

Aus gleich werden zwei Stunden. Der Auszubildende arbeitet nicht weiter, weil ihm ein entscheidender Schritt fehlt. Später heißt es, er müsse selbstständiger werden und mehr Eigeninitiative zeigen.

Der Ausbilder wiederum ärgert sich, weil er das Gefühl hat, ständig hinterherlaufen zu müssen.

Beide Seiten erleben dieselbe Situation, aber aus völlig unterschiedlichen Perspektiven.

Der Azubi denkt: Ich soll nichts falsch machen und erreiche niemanden.

Der Ausbilder denkt: Warum wartet er immer, statt selbst weiterzumachen?

Was hier fehlt, ist nicht Motivation. Es fehlt Zeit für Ausbildung.

Ausbildung braucht mehr als Fachwissen

Ausbilderinnen und Ausbilder sind keine wandelnden Bedienungsanleitungen.

Gute Ausbildung bedeutet heute weit mehr, als einen Arbeitsablauf einmal vorzuführen. Ausbilderinnen und Ausbilder sollen Lernprozesse gestalten, Leistungen einschätzen, Orientierung geben, Erwartungen erklären und auf sehr unterschiedliche junge Menschen eingehen.

Sie übernehmen damit fachliche, soziale und pädagogische Verantwortung.

Das Bundesinstitut für Berufsbildung beschreibt das Berufsbildungspersonal als zentral für die Qualität beruflicher Bildungsprozesse und für den erfolgreichen Übergang junger Menschen ins Erwerbsleben.

Gleichzeitig besteht das betriebliche Ausbildungspersonal fast ausschließlich aus Beschäftigten, die Ausbildung während oder anstelle ihrer eigentlichen Tätigkeit leisten. Viele ausbildende Fachkräfte tun dies zusätzlich zu ihrer Facharbeit und teilweise ohne umfassende berufspädagogische Qualifizierung.

Genau darin liegt der Widerspruch: Ausbildung gilt als entscheidend für die Fachkräftesicherung, wird im Alltag aber häufig wie eine Zusatzaufgabe organisiert.

Engagement ersetzt keine Struktur

Persönliches Engagement ersetzt keine Struktur. Natürlich gibt es viele hervorragende Ausbilderinnen und Ausbilder, die mit beeindruckendem Einsatz arbeiten. Aber ein Unternehmen darf seine Ausbildungsqualität nicht darauf aufbauen, dass einzelne Beschäftigte dauerhaft improvisieren, länger bleiben oder Gespräche irgendwie in ihre Pausen schieben.

Denn irgendwann entsteht Frust auf beiden Seiten: Der Ausbilder empfindet den Azubi als zusätzliche Belastung. Der Azubi spürt, dass seine Fragen den Betriebsablauf stören.

Und aus einem strukturellen Problem wird plötzlich ein persönlicher Vorwurf: „Der junge Mensch ist nicht motiviert.“

Oder:„Der Ausbilder interessiert sich nicht für mich.“

Dabei benötigen beide häufig dasselbe: Klarheit, Zeit und verlässliche Absprachen.

Was Unternehmen konkret ermöglichen müssen

Wer gute Ausbildung will, muss sie ermöglichen. Dazu braucht es nicht zwingend eine eigene Ausbildungsabteilung.

Aber es braucht Bedingungen, unter denen Ausbildung mehr sein kann als spontane Hilfe im Vorbeigehen: klare Verantwortlichkeiten, realistische Zeitfenster für Begleitung und Gespräche, Rückhalt durch Führungskräfte, regelmäßigen Austausch zwischen allen Beteiligten, Unterstützung bei Konflikten und schwierigen Situationen, Möglichkeiten zur pädagogischen Weiterentwicklung.

Das BIBB betont, dass die Qualität betrieblicher Ausbildung nicht allein von einzelnen Personen abhängt, sondern durch betriebliche Strukturen, Lernprozesse und Zusammenarbeit systematisch entwickelt werden muss.

Ausbildung ist keine Störung des eigentlichen Geschäfts. Sie ist ein Teil des eigentlichen Geschäfts.

Denn wer heute keine Zeit für Ausbildung einplant, sollte sich morgen nicht darüber wundern, wenn die Fachkräfte fehlen.

Wie ist das in Ihrem Unternehmen: Bekommen Ausbilderinnen und Ausbilder tatsächlich Zeit für ihre Aufgabe oder vor allem zusätzliche Verantwortung?

Quellen und weiterführende Literatur

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